Allah nahm eine handvoll Südwind und erschuf damit das Pferd.
Das Pferd aber wollte nicht zu Fleisch werden und es wollte auch nicht dem Menschen dienen.
Da versprach Allah, dass es nach seinem Tode wieder zu Wind werden und in ewiger Freiheit leben würde.....
Das erste Mal, dass ich Sunshine gesehen habe, war zeitgleich das erste Mal, dass ich an Reiten gedacht habe. Und damit
meine ich richtig reiten, nicht einfach mal so zwischendurch, sondern... ja, richtig halt.
Damals, ich war gerade zehn Jahre alt, gingen meine Mutter und ich zum Windhof; ich wollte Reitstunden haben. Dort haben wir dann auch gleich den Reitlehrer angetroffen. Er musterte mich
skeptisch und fragte, ob ich mir da auch ganz sicher sei - schließlich hieß der Hof 'Windhof' und es wehte ein rauer Wind.
Aber ich wollte. Wir machten einen Termin für meine erste Longenstunde aus und ich freute mich schon sehr.
Ein paar Tage später, an einem Donnerstag, stand ich also auf der Matte und war, meiner Meinung nach, vollkommen bereit für mein erstes Derby.
Aber ganz so leicht ging das dann doch noch nicht. Einer der Pfleger sollte mir helfen mein Pferd fertig zu machen und brachte mich in den Schulpferdestall. Erholte ein (ziemlich großes)
braunes Pferd heraus. Eine Stute, das Voltigier- und Longepferd, sagte er. Ich sah mir das Namensschild, welches über der Box hing, genauer an.
Sunshine.
Ein schöner Name, dachte ich mir. Nichts besonderes, hieß so doch jedes zweite Pferd in meinen Büchern. Aber schön.
Ganz im Gegensatz zum Pferd, sagte mir der Pfleger. Ich sah mir besagtes Tier genauer an: groß, braun, mit vier Beinen und einem Kopf. Ach, einen Schweif hatte es ja auch noch.
Hm, ja, kann schon sein, antwortete ich. Ein komischer Blick kam zurück.
Nicht ihr Aussehen, sagte er, aber ihr Charakter. Sunshine - Sonnenschein - ein liebes, freundliches Pferd, oder etwa nicht? Nein, das Gengenteil wohl eher. Mit Gerte in der Hand musste man
hinter ihr stehen und aufpassen, dass sie eien nicht trat. Seltsam, dachte ich mir, aber das wird schon richtig sein.
Fertig mit putzen sattelte und trenste mir der Pfleger Sunshine freundlicher Weise, war sie doch für mich etwas zu groß.
Dann hoch zur Reithalle. Dem Pferd noch schnell ein Leckerchen zur Bestechung zugeschoben und rauf auf's gute Tier. Hoppala, doch ganz schön weit oben. Aber die Luft war gut, ich fühlte mich
gleich zu Hause.
Dann kam der Reitlehrer: Die Sache wurde Ernst.
Schritt - wie langweilig, viel zu einfach.
Trab - wäre ich vorher nicht so nervös gewesen und hätte etwas gegessen, ich wäre es jetzt wieder los geworden.
Galopp - ... verdammt, wo schaltete man hier einen Gang höher? Na, nimm doch mal die Gerte, brüllte der Reitlehrer (er brüllte immer, nichts von Bedeutung). Hmm, ja, das kann ich, dachte ich
und setzte das Ganze auch in die Tat um. Wohl mit etwas zu viel Enthusiasmus: Der Gang war drin - und wie! Mein Reittier wechselte in eine kritische Schräglage und gab lange Meter, da hätteich
doch mein Derby reiten können.Und gebockt hat sie auch noch. Scheißvieh.
Im Großen und Ganzen habe ich meine erste Reitstunde und die erste Begegnung mit diesem Teufelspferd aber gut überstanden (eine echte Leistung, wie ich später feststellen sollte: Mehr als die
Hälfte der Anfänger hat nach dem ersten Ritt auf Sunshine wieder aufgehört)
und ich war mir auch sicher, dass ich wiederkommen würde.
Nächste Woche, gleicher Tag, gleiche Zeit, so wurde mir gesagt. Einverstanden, sagte ich.
Abends, mit gehörigen Muskelkater im Bett liegend, dachte ich noch mal an das zuvor erlebte.
Meine erste Reitstunde. Meine erste Begegnung mit dem Pferd, auf dem ich reiten lernen sollte. Meine erste Begegnung mit Sunshine.
Damals wusste ich noch nicht, dass diese Begegnung, dieses Pferd, mein ganzes Leben verändern sollte....